Antrag Bundestreffen 2012 Standards in der Wissenschaft

Bundestreffen in Berlin am 3.11.2012

Antrag Nr. 4

Einhaltung von Standards in Wissenschaft und Bildung

Wir verfolgen die Akzeptanz, ja sogar Förderung, von pseudowissenschaftlichen und esoterischen Ideen und Praktiken an wissenschaftlichen, akademischen und bildungsrelevanten Institutionen mit großer Sorge. Schüler und Studierende laufen Gefahr, mit unbelegten Behauptungen von Ideologen statt mit der verlässlichen Erkenntnis der Wissenschaft aufzuwachsen. Wissenschaftliche Prinzipien und Kriterien werden häufig eklatant verletzt. Missstände an Bildungseinrichtungen werden selten kritisiert.

Wir fordern die SPD-Fraktionen im Bund und in den Ländern dazu auf:

  • sicherzustellen, dass Universitäten, medizinische Einrichtungen und Hochschulen den aktuellen Stand wissenschaftlicher Erkenntnis lehren. Sie müssen der Versuchung widerstehen, dass unbelegte Behauptungen Eingang in Bildungsangebote finden; sie müssen es als ihre Pflicht begreifen, zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft bzw. Ideologie im wissenschaftlichen Gewand zu unterscheiden. Gleichzeitig müssen sie lehren, wie sich pseudowissenschaftliche Behauptungen und Methoden als solche identifizieren lassen.
  • sich dafür einzusetzen, dass (a) wissenschaftliche Standards und evidenzbasierte Medizin die Grundlagen für Diagnostik und Therapie bilden, (b) existierende Ausnahmen für bestimmte Therapieformen abgeschafft werden und (c) Versuchen verschiedener Lobbygruppen, Ausnahmen zu erwirken, entgegengetreten wird. Der Nutzen für die Patienten muss Vorrang vor einem falsch verstandenen Pluralismus in der Medizin haben. Gruppen mit kommerziellem Interesse an pseudowissenschaftlichen Methoden dürfen keinen Einfluss gewinnen.
  • sicherzustellen, dass die Bildungsinhalte in Schulen auf Wissenschaft gegründet sind und dass jeder Versuch, den Inhalt des Bildungsangebots nach ideologischen, politischen oder religiösen Kriterien zu beeinflussen, abgelehnt wird. Jede Verwässerung bei der Lehre von Evolution oder gesicherter historischer Tatsachen muss ausgeschlossen werden. Dubiose, ungeprüfte Methoden dürfen nicht als pädagogisches Mittel eingesetzt werden.

Begründung

Gerade die SPD muss sich stärker der Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis innerhalb der akademischen Institutionen widmen und das Lehren wissenschaftlicher Denkweisen und Erkenntnisse in Schulen fördern, um so Verbraucher vor pseudowissenschaftlichen Angeboten zu schützen. In den letzten Jahren laufen eine Menge Entwicklungen dieser Tendenz entgegen:

  1. 1.Wegen des gefühlten Zwangs, sich über Drittmittel finanzieren zu lassen, akzeptieren immer mehr Universitäten Stiftungsprofessuren. Beispiele sind die Einrichtung einer Stiftungsprofessur zur Forschung in der Komplementärmedizin / Integrativen Medizin an der Berliner Charité durch die Karl und Veronica Carstens Stiftung, sowie die Einrichtung eines „Ayurveda“-Lehrstuhls an der Europa-Universität Viadrina durch Gelder der indischen Regierung oder einer Islamwissenschafts-Professur durch die Türkei. Somit wird wissenschaftliche Redlichkeit politischen, ideologischen und religiösen Interessen geopfert.
  2. 2.1976 erließ die Bundesregierung ein Gesetz, das Vertretern der sogenannten „besonderen Therapierichtungen“ Homöopathie, anthroposophische Medizin und Phytotherapie gestattet, ihre Therapien im sogenannten „Binnenkonsens“, d.h. ohne objektive, unabhängige Kontrolle zu regeln. Damit wurden Qualitätsstandards in der Medizin ausgehebelt und Patientinnen und Patienten werden somit zu Versuchskaninchen dieser sogenannten Therapien. Dies widerspricht sowohl dem Fairness-, als auch dem Qualitätsgebot, Therapien nach gleichen, objektiven und wissenschaftlichen Kriterien vor einer Zulassung auf Wirksamkeit und Nebenwirkungen zu prüfen.
    Laut Wikipedia; „Das Arzneimittelgesetz räumt zulassungspflichtigen Arzneimitteln der Homöopathie, Anthroposophie und Phytotherapie („besondere Therapierichtungen“) spezifische Besonderheiten ein: so sind in der Entscheidung über die Erteilung bzw. Verlängerung einer Zulassung die „medizinischen Erfahrungen“ bzw. „die Besonderheiten“ dieser Therapierichtungen zu berücksichtigen (so genannter Binnenkonsens). Zulassungen dürfen nicht ohne Beteiligung entsprechender, von der Zulassungsbehörde eigens eingerichteten, Kommissionen versagt werden. Diese nationalen Besonderheiten basieren auf dem „Wissenschaftspluralismus“, zu dem sich der Gesetzgeber bekannte, um die „Monopolisierung einer herrschenden Lehre als verbindlicher ´Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse´“ zu vermeiden, und führten zu Kritik am Arzneimittelgesetz.
  3. 3.Besonders sind die immer wieder vorkommenden Versuche von religiös motivierten Politikern zu nennen, die direkt oder indirekt „Kreationismus“ an den Schulen propagieren. Ein Beispiel aus Hessen laut Wikipedia: „So unterstützte Ministerpräsident Roland Koch (CDU) die hessische Kultusministerin Karin Wolff in ihrem umstrittenen Vorstoß, die christliche Schöpfungslehre künftig im Biologieunterricht zu behandeln.“ Ein weiteres Beispiel aus dem Bereich Pseudowissenschaft ist die Edu-Kinestetik (siehe auch unten*). Edu-Kinestetik wird von vielen Lehrern und Heilpädagogen praktiziert und ist in einigen Bundesländern offizieller Bestandteil der Lehrerfortbildung. Mit einer wissenschaftlich hoch zweifelhaften Methode sollen pädagogische Probleme gelöst werden.

* Edu-Kinestetik (auch: Kinesiologie oder Brain-Gym) ist ein Verfahren zur Lösung pädagogischer Probleme durch körpernahe Behandlungstechniken. Versprochen werden vor allem positive Effekte im (schul-)pädagogischen Bereich bzw. in der Anwendung bei Kindern, beispielsweise die Beseitigung von Lernschwierigkeiten, von Hyperaktivität und Ängsten, vermehrte Leistungssteigerungen oder eine Erweiterung des Gehirnpotenzials.

Ausgangspunkt der Edu-Kinestetik ist die der traditionellen chinesischen Medizin entlehnte Vorstellung von einer kosmischen Energie (Qi), die in bestimmten Leitbahnen (Meridianen) im menschlichen Körper fließt. Ein „energetisches Ungleichgewicht“ dieses Energieflusses wirke sich negativ auf Gesundheit sowie Leistungs- und Lernfähigkeit aus. Zur Korrektur werden bestimmte Bewegungen sowie ein Drücken bestimmter Körperstellen empfohlen, die Diagnose der „Ungleichgewichte“ erfolgt durch einen Muskeltest.

Die Wirksamkeit der Edu-Kinestetik ist nicht nachgewiesen, ferner steht die Methode im Widerspruch zu den Erkenntnissen der modernen Neurobiologie und Psychologie.

Dennoch wird Edu-Kinestetik von vielen Lehrern und Heilpädagogen praktiziert und ist in einigen Bundesländern offizieller Bestandteil der Lehrerfortbildung. Ferner hat sich das Verfahren in der kindertherapeutischen Praxis von Psychologen und privaten „Lernberatern“ etabliert.

 

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